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Unterrichten in Vorarlberg: eine Klasse für sich

Okt. 16, 2023
Der massive Lehrermangel hat das Bundesland fest im Griff. Bis 2030 gehen 30 Prozent der Lehrpersonen in Pension. Derzeit, Stand Anfang Oktober, sind noch 14 Stellen unbesetzt.
Will-kommen. Will-bleiben: Das wäre der Politik am liebsten. Lehrer werden seit Jahren händeringend gesucht, besonders in den letzten beiden Jahren sind fehlende Pädagogen an den Schulen ein massives Problem geworden. Mit Stand Anfang Oktober 2023 sind fünf Stellen an Volksschulen, zwei an Mittelschulen, zwei an Polytechnischen Schulen, eine an einer Sonderschule und vier an HTL zur sofortigen Besetzung ausgeschrieben (auch in Teilzeit). Bis zur Besetzung werden diese Stellen vom bestehenden Personal abgedeckt. Diesen letzten Mohikanern geht ob der Mehrbelastung aber zunehmend die Puste aus. Hinzu kommt, dass der Anteil an Schülern mit nicht deutscher Muttersprache enorm zugenommen hat und der Unterricht zum Kraftakt wird. „Wir haben derzeit sieben verschiedene Nationalitäten in der Klasse mit 21 Schülern“, erzählt eine Lehrerin mit über 30 Dienstjahren an der Mittelschule in Dornbirn. Und: die sogenannten Coronakinder in der Volksschule zeigen sich durchwegs als wenig sozialisiert. „Manchmal glaube ich, in einem Affenkäfig zu stehen“. Kein Wunder, dass Kindern die Sicherungen durchbrennen, es an Konzentration fehlt und sie sich nicht in Gruppen einfügen können oder wollen. Das Zuhause sieht bei vielen so aus: Beide Eltern sind erwerbstätig, sind hochgradig gestresst und überfordert, haben kaum Zeit für die Kindererziehung, das Babysitting übernehmen gerne das Handy oder andere Medien.

Still gestanden

Die Gründe für den Lehrkräftemangel seien vielschichtig. „Zum einen ist der demografische Wandel und die Pensionierungswelle schuld an der Misere“, ließ Schullandesrätin Barbara Schöbi-Fink verlauten. Dazu komme ein hoher Anteil von 45 Prozent an Teilzeitbeschäftigten. Ein weiterer Punkt sei die geografische Lage. Die Schweiz, Liechtenstein und Deutschland hätten mittlerweile selbst einen Lehrermangel und würden Fachkräfte aus Vorarlberg abwerben. Zudem studieren weniger Menschen auf Lehramt, seitdem das Studium verlängert wurde. „Die Wertschätzung von politischer, aber auch gesellschaftlicher Seite ist über die Jahre hinweg immer geringer geworden. Früher waren Lehrpersonen in der Gesellschaft anerkannt“, erzählt ein pensionierter Lehrer, ü65, der wieder unterrichtet. „Hinzu kommt, dass das Gehalt im Vergleich zur Wirtschaft niedrig ist. Gerade in Vorarlberg mit den hohen Lebenshaltungskosten ist es mit dem Grundgehalt sehr schwierig.“
Für Ruhe, Ordnung und – man staune – Bildung in der Schule sollen Soldaten sorgen: Diese Idee geboren, mitten im Sommerloch, trieb einigen Eltern und auch Schülern den Schweiß auf die Stirn. Im August hatten Verteidigungs- und Bildungsministerium ihre Pläne vorgestellt: Zur Bekämpfung des Lehrermangels sollen Soldaten als Quereinsteiger für den Lehrberuf rekrutiert werden. Angeworben werden sollen gezielt Milizsoldaten, Militärmusiker und Heeressportler, wie ÖVP-Bildungsminister Martin Polaschek und Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (ÖVP) ankündigten. Parallel dazu soll das Thema Landesverteidigung ab Herbst einen größeren Stellenwert im Unterricht erhalten, zwei Offiziere wurden in die Schulbuchkommission eingebunden. Deutlich dagegen sprach sich die Österreichische Hochschülerschaft (ÖH) aus. „Soldaten haben in Schulklassen nichts verloren. Der verstärkte Einfluss des Bundesheeres in Klassen und Lehrplänen ebnet den Weg hin zu einem militarisierten Bildungswesen“, sagte die ÖH-Vorsitzende Nina Mathies. „Das Lehramtsstudium sowie der Lehrberuf müssen attraktiver gemacht werden. Es braucht bessere Arbeitsbedingungen, eine faire Bezahlung und kleinere Klassen“, legte Sarah Rossmann aus dem ÖH-Vorsitzteam nach. Ähnlich die Haltung der SPÖ-nahen Aktion kritischer Schüler (AKS). Auch diese sehen einen Schritt in Richtung „militarisiertes Bildungswesen“. Stattdessen brauche es etwa eine Aufwertung des Lehrberufs und einen Ausbau des Schulunterstützungspersonals. Außerdem fordert man das Fach politische Bildung. Dieses soll die Möglichkeit bieten, „sich selbst mit aktuellen Geschehnissen in Politik, Gesellschaft und auch mit gesellschaftlichen Missständen zu beschäftigen. Politische Bildung darf nicht auf militärischen Drill abzielen, sondern muss die Förderung eines kritischen Bewusstseins zum Ziel haben“, ließ AKS-Bundesvorsitzende Lina Feurstein wissen.
"„Soldaten haben in Schulklassen nichts verloren. Der verstärkte Einfluss des Bundesheeres in Klassen und Lehrplänen ebnet den Weg hin zu einem militarisierten Bildungswesen.“"
Nina Mathies

Klasse Job

Die Schulen haben gestartet, die Lehrer fehlen immer noch - was ist denn nun aus diesem Vorhaben der Militarisierung in den Schulen geworden? „Die Zuständigkeit liegt in diesem Fall beim Bildungs- und Verteidigungsministerium, die die Pläne im Sommer gemeinsam vorgestellt haben“, spielt Elisabeth Mettauer von der Bildungsdirektion in Vorarlberg den Ball zurück Richtung Osten. „Wir wurden lediglich informiert, dass zunächst auf Bundesebene noch Abstimmungen zwischen beiden Ministerien für die Entwicklung eines konkreten Angebotes und weiterer Informationsmaßnahmen stattfinden werden.“ Indes soll eine von ÖVP-geführten Ministerien breit angelegte Informationskampagne in Stellungshäusern, Kasernen und Zielgruppenmedien des Bundesheeres Erfolg versprechen. So sollen potenzielle Quereinsteiger im Rahmen der Initiative „Klasse Job“ für den Lehrerberuf begeistert werden, sagte Bildungsminister Martin Polaschek, der von „spannenden Zielgruppen“ sprach. Spannend bleibt es jedenfalls, ob die Milizsoldaten so begeistert aufspringen wie Lehrerkollegen aus dem Burgenland. Extra für sie gab es eine Kampagne in ihrem Bundesland, die diesen Sommer österreichweit für Aufsehen sorgte. Damit sollten Lehrer angesprochen werden, die sich vorstellen können, vom Osten in den Westen zu ziehen. Dafür winkte eine Prämie von 6500 Euro. Die Resonanz war mager. Im vergangenen Schuljahr wurde die Vorarlberger Prämie an 30 Pädagogen ausbezahlt, für heuer kam es zur Anstellung von lediglich 14 Personen aus anderen Bundesländern oder Nationen. Den sogenannten Willkommensbonus von bis zu 6510 Euro gibt es bei der erstmaligen Gründung eines Wohnsitzes in Vorarlberg. Er richtet sich sowohl an ausgebildete Lehrer als auch an Quereinsteiger. Das Land bezahlt einen Wohnungszuschuss von 180 Euro pro Monat für zwei Jahre, insgesamt 4320 Euro. Zusätzlich gibt es einen Zuschuss für Heimfahrten oder das Klimaticket. SPÖ-Bildungssprecherin Petra Tanzler stank die Aktion. Sie bezeichnet die Aktion "Klasse Job" als "Werbekampagne", bei der "600.000 Euro ohne Ausschreibung an eine ÖVP-nahe Marketingagentur geflossen" seien.

Quereleien um Quereinsteiger

Doch Miliz im Klassenzimmer ist nur eine Idee von vielen, die derzeit sprießen um Lehrer das Unterrichten schmackhaft zu machen. Quereinsteiger müssen her, Pensionisten auch und wenn das nicht reicht, dann sollen eben die vielen Teilzeitangestellten aufstocken. Die Resonanz auf die einzelnen Lösungsversuche variieren zwischen Teilakzeptanz und Skepsis. Die Einführung von Quereinsteigern in den Lehrerberuf ist eine Maßnahme, die kritisch betrachtet wird, insbesondere von der bestehenden Lehrerschaft. Die Skepsis liegt vor allem an der Entlohnung dieser Quereinsteiger, die trotz ihrer unerfahrenen Position am unteren Ende der Gehaltspyramide stehen. Die Frage, ob nichtpädagogisch ausgebildete Lehrer gleich bezahlt werden wie ihre ausgebildeten Kollegen, sorgt für Unruhe. Willi Witzemann, Pflichtschullehrervertreter, berichtet von Bedenken innerhalb der Lehrerschaft: „Werden nicht ausgebildete Lehrer jetzt gleich bezahlt wie ausgebildete?“ Auch eine mögliche mangelnde pädagogische Ausbildung des Quereinsteigers ist ein zentraler Kritikpunkt. Darüber hinaus gibt es Befürchtungen, dass angehende Lehrer möglicherweise ganz auf ein pädagogisches Studium verzichten könnten, wenn sie die Möglichkeit haben, auch ohne Abschluss an einer Pädagogischen Hochschule in den Lehrberuf einzusteigen. Im heurigen Schuljahr sind in Vorarlberg 185 Quereinsteiger, 127 Lehramtsabsolventen, 68 Lehramtsstudenten und 38 Pensionisten in den Unterrichtsbetrieb eingestiegen. Bei den rüstigen „Rückkehrern“ ist das liebe Geld auch ein Thema. Sie sind Lehrer a. D. mit langem Erfahrungsschatz, die allerdings wieder ganz klein anfangen müssen, da für sie ein neuer Dienstvertrag erstellt wird. Und dieser fängt bei der untersten Gehaltsstufe an. Nicht gerade ein Zuckerl, das die Rentenzeit versüßt. An den Schulen geht es wohl weiterhin rund, es werden wohl weiterhin Löcher irgendwie gestopft, Ausflüge, Schulchor oder Theaterstunden gestrichen. Und es wird wohl auch nächstes Schuljahr auf Werbeplakaten stehen: „Lust zu unterrichten?“.

Welche Lösungsvorschläge liegen bereit? Dazu nimmt Bildungsdirektor Dr. Heiko Richter auf Nachfrage von FAIRPLACE Stellung:

Mit Einrichtung der Projektstelle „Arbeitsplatz Schule“ im März 2022 hat Vorarlberg als erstes Bundesland offensiv auf den Lehrkräftemangel reagiert und ein österreichweit einzigartiges Modell initiiert, das sämtliche Maßnahmen zur Lehrerrekrutierung zusammenführt und weiterentwickelt. Das Bildungsministerium hat diese Idee inzwischen übernommen und in allen Bildungsdirektionen eine Bedarfskoordination eingesetzt. Folgende Maßnahmen werden gesetzt:

• „Students Teach Students“:
Schüler der Oberstufe haben wieder die Möglichkeit, in die Rolle einer Lehrerin bzw. eines Lehrers zu schlüpfen und erste Unterrichtserfahrungen zu sammeln. Im Herbst starten die Infoveranstaltungen an interessierten Schulen (7. Klasse AHS bzw. 4. Jahrgang BHS). Das Praktikum wird dann im Februar/März absolviert.

• Schulbesuche:
Ab Herbst werden auch wieder alle Maturaklassen besucht. Ziel dieser Schulbesuche ist es, Werbung für den Lehrerberuf zu machen und die Maturanten über das Lehramtsstudium an der PH Vorarlberg zu informieren.

• Werbung im Rahmen der Landeskampagne „Bildung bringt’s“:
Begleitend zu den direkten Kontakten werden je nach Zielgruppe verschiedene Werbeaktivitäten über Printmedien, Social Media, Plakate, City Lights, Bus-/Railscreens, Radio, TV etc. gesetzt. Damit wird zum einen versucht, das Image des Lehrerberufs aufzubessern, und zum anderen werden gezielt Lehrpersonen und Quereinsteiger für den Schuldienst in Vorarlberg angesprochen.

• Bildungsmessen:
Ergänzend wird die Bildungsdirektion auf inhaltlich passenden Bildungsmessen in Österreich, aber auch im deutschen Raum vertreten sein, um die beruflichen Möglichkeiten als Lehrer in Vorarlberg vorzustellen und einen noch breiteren Bewerberpool aufzubauen.

• Kontakte mit deutschsprachigen Schulen im Ausland:
Neu wird auch ein Fokus auf deutschsprachige Lehrer und Quereinsteiger im nahegelegenen Ausland gesetzt. Gerade in einigen osteuropäischen Ländern gibt es exzellente deutschsprachige Schulen mit sehr guten Absolventen oder Lehrpersonen, für die Vorarlberg ein interessantes Ziel sein könnte.

• Pensionierte Lehrkräfte:
Schulleitungen und die Bildungsdirektion gehen aktiv auf Lehrpersonen zu und informieren über eine Weiter- bzw. Wiederbeschäftigung.

• Welcome Center für neue Lehrkräfte:
Das Welcome Center in der Bildungsdirektion informiert neue Lehrkräfte und bietet eine intensive, persönliche Beratung an (angefangen von Fragen zu Arbeitsinhalten oder Dienstvertrag bis hin zur Unterstützung auswärtiger Lehrpersonen bei der Wohnungssuche oder Fragen zum Nachzug der Familie). Eine Willkommensbroschüre gibt neuen Lehrkräften eine kompakte Übersicht zum Einstieg in den Schuldienst.

• Persönliches Coaching für Lehrpersonen:
Im Herbst startet ein neues Coaching-Angebot für neue Lehrkräfte, Quereinsteiger und Rückkehrer in den Schuldienst. Bei Bedarf erfahren diese Unterstützung durch pensionierte Lehrkräfte.

Kurzfristig wird auch daran gearbeitet, die relative hohe Teilzeitquote von Lehrpersonen zu verringern bzw. die Beschäftigungsausmaße zu erhöhen. Dazu gab es seitens der Bildungsdirektion im Zuge der Stellenausschreibungen/-besetzungen im Mai/Juni intensive Gespräche mit jeder Schulleitung. Aus diesen gemeinsamen Bemühungen konnten insgesamt 109 Lehrpersonen für eine Erhöhung ihrer Lehrverpflichtung gewonnen werden. Diese Vorgehensweise wird im laufenden Schuljahr wiederholt.

Parallel dazu wird natürlich auch weiterhin an Verbesserungen im Bereich der administrativen und psychosozialen Entlastung an allen Schulen gearbeitet (z.B. Anstellung von Sekretariatskräften und Assistenzpersonal zur Unterstützung von Kindern mit besonderen Bedürfnissen, Ausbau der Schulsozialarbeit und Schulpsychologie).

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